Atlantiküberquerung – von beschissen bis wunderschön

Atlantiküberquerung – von beschissen bis wunderschön

Blauwasserleben, Segeln, Atlantik
Eine spannende Erfahrung mit unserer tollen meerla

Was essen wir die nächsten 3 Wochen?

So, der Grosseinkauf ist erledigt und alles irgendwo untergebracht. Wir haben lange studiert, wo und wie wir draussen Früchtenetze befestigen können und einfach keine befriedigende Lösung gefunden. Ist es doch ein wichtiger Teil der Atlantiküberquerung, dass frisches Essen vorhanden ist und nicht schon nach wenigen Tagen alles kaputt geht. Aber wohin mit so vielen Früchte und Gemüse, dass es nicht zu heiss bekommt und nicht herum rollt? Wir lösen dies, indem wir unser Netz mit der ganzen Tauchausrüstung im Technikraum leeren und darin die Zitrusfrüchte und Melone unterbringen. Alles andere wird in Behältern gestaut, so dass es nicht herumrollen kann. Ein kleiner Teil kommt im zweiten Kühlschrank unter. Wir sind gespannt, wie das alles hält und wann uns die Frischware ausgehen wird. Ist es doch etwas das wir so noch nie gemacht haben - für drei bis vier Wochen einkaufen.

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adiós Las Palmas de Gran Canaria

Am Sonntag, 29.12. um 12 Uhr soll es los gehen. Schnell noch ein frisches Brot backen, bevor es danach nur noch schaukelt. Hhm, da isst aber schon jemand anderer von unserem Mehl - wir haben Käfer im Mehl! Iihh, nicht schön. Also weg damit und jetzt geht die Suche los nach dem anderen Mehl von diesem Kauf. Alles erstmal ausräumen...

Jetzt ist es 12 Uhr, wir sind bereit, los gehts! Doch nein, der Stromstecker will einfach nicht aus der Steckdose auf dem Steg. Wir versuchen alles, doch auch die Hilfe von Nachbarn bringt uns leider nicht weiter. Wir rufen über Funk den Marinero an und dieser zerlegt den halben Stromkasten, bis wir endlich frei sind. Eine Stunde später lassen wir den Motor an und quetschen uns aus unserem engen Platz. Prompt bleiben wir kurz in der Mooring des Nachbarschiffes hängen. Doch weil wir uns dieser Problematik bewusst waren, nehme ich sofort den Gang raus, damit sicher nichts in die Schraube gelangt. Mit etwas stossen sind wir frei. Was für ein Start. Las Palmas will uns irgendwie nicht gehen lassen! Als ob unser Vorhaben, über den Teich zu segeln, nicht schon aufregend genug ist!!!

Es geht los, knapp 3000sm liegen vor uns…

Der Wind kommt uns direkt auf die Nase, so Motoren wir grosszügig aus dem Hafenbereich hinaus und setzten dann die Segel, stellen die Maschine ab in der Hoffnung, dass wir diese erst zum Ankern auf Martinique wieder benötigen…

Zu Beginn kreuzen wir, bis der Wind im Süden der Insel zu drehen beginnt, dann können wir auf einen räumlichen Kurs wechseln. Das wird auch bis zu 1000sm so bleiben, bis wir auf Höhe der Kapverden nach Westen abbiegen werden. Laut den aktuellen Windprognosen müssen wir ziemlich weit in den Süden fahren, bevor wir nach Westen wechseln können, da der Passat sich in den Süden zurückgezogen hat. Wir fahren in die erste Nacht hinein, wechseln uns mit der Wache ab, aber können nicht so richtig schlafen. Wir spüren beide den Seegang nach zu langer Zeit in der Marina und sind leicht Seekrank.

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Der nächste Tag ist wunderschön, doch wir können es noch nicht geniessen, da wir weiterhin mit den Schiffsbewegungen zu kämpfen haben. Dafür ist die folgende Nacht unglaublich schön. Ein spektakulär schöner Sternenhimmel und gigantisches Planktonleuchten. Ein Wahnsinns Feuerwerk der Natur! Schade können wir das fotografisch nicht festhalten, dafür ist es in uns im Kopf für immer eingeprägt.

Es geht nur so schnell wie das schwächste Glied in der Kette…

Wir erhalten eine Mail von einem Schwesterschiff, welches auf den Kapverden ist, mit der Information, dass ihr Lümmelbeschlag (Verbindung Baum zum Masten) Risse hat. Damit können/wollen sie keine Atlantiküberquerung angehen. Sofort nehmen wir unseren Lümmelbeschlag unter die Lupe und müssen feststellen, dass auch unserer beidseitig eingerissen ist! Puh, zuerst mal ein kleiner Schock, was jetzt? Nachdenken! Wie schlimm ist es und was bedeutet es für uns, was kann es für Folgen haben? Doch einen Stopp auf den Kapverden einlegen, wie ursprünglich geplant? Kein Grosssegel mehr nutzen oder Risiko eingehen, dass es noch 2500sm durchhält und weiter segeln?

Wir entscheiden uns zum weiter segeln und das Grosssegel sehr defensiv zu nutzen. Also immer ein Reff mehr als wir es normalerweise nutzen würden. So sind wir nicht ganz so schnell wie gewünscht, aber wir haben uns gesagt, lieber einen Tag später in der Karibik ankommen dafür ohne weiteren Schaden.

Wir nehmen halb Afrika mit auf die Reise

Ab dem dritten Tag wird das Wetter komisch, es beginnt ganz langsam und wird immer schlimmer. Plötzlich stellen wir fest, dass wir eigentlich nur noch ca. 0.5sm weit Sicht haben! Über dem Meer liegt eine dicke Sand-/Staubwolke aus Afrika und die Sonne drückt von oben durch. Da wir starken Ostwind haben, wird dieser direkt aus der Wüste auf den Atlantik getragen. Zwei Tage später sieht unsere meerla auch total eklig aus. Das ganze Schiff ist nur noch braun, ALLES! Überall Sand und Staub. Wir spüren diesen auch ordentlich in der Lunge. Wir stellen fest, dass der Körper das Zeug das wir da einatmen wieder raus schafft.

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Ach ja, Silvester war da ja auch noch. Das haben wir sozusagen ausgelassen...

Und plötzlich sind da gaaanz viele Delfine, die total verspielt sind. Sie begleiten uns stundenlang und machen wahnsinnig hohe Sprünge und kapriolen. Es ist eine umwerfende Show. Wir können uns gar nicht satt genug sehen.

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Allan geht es nach dem 5-6 Tag gut, er hat die Seekrankheit (ohne Fische zu füttern) hinter sich und muss keine Tabletten mehr nehmen. Doch mir geht es eigentlich immer wie schlimmer. Es ist nicht lustig und ich frage mich wie ich das durchstehen soll und warum ich eigentlich hier bin. Und ich denke immer wieder, das mache ich nie mehr! Wenn ich ehrlich bin: es geht mir scheisse. Entsprechend machen wir auch kaum etwas. Habe gerade so die Kraft um die Segel zu richten und Essen zu kochen. Für mehr reicht es nicht. Wir liegen beide nur herum, vorwiegend im Salon. Alle 25 Min. geht einer an Deck und schaut nach dem Rechten. Andere Schiffe sehen wir schon lange keine mehr.

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Kursänderung!

Nach knapp einer Woche "biegen" wir nach rechts ab. Kurs Martinique! Das Grosssegel kommt herunter dafür wird die Genua ausgebaumt und auf der anderen Seite die Fock gesetzt. So segeln wir sozusagen mit Schmetterlingssegel am Bug vor dem Wind. Wir haben ganz ordentlich Wind und fahren meistens mit gereffter Genua. Die Fock ist dann die Variable zum ein- und ausreffen, wenn es Schwankungen in der Windstärke hat. Doch die haben wir zu Beginn nicht so sehr. Es pustet mit bis zu 27Kn Wind.

Die Luft ist zwar inzwischen wieder klar, doch jetzt sehnen wir uns nach Regen und da dieser ausbleibt, wäscht Allan das Schiff mit Salzwasser. Wir hätten nie gedacht, dass wir das Schiff mal mit Salzwasser spülen und Freude daran haben! Normalerweise wird es mit Süsswasser gespült. Aber der Gröbste Schmutz muss mal weg, der Sand ging überall rein und alles beginnt zu quietschen.

Überhaupt die Geräusche im Schiff sind recht laut. An vielen Stellen knarzt es permanent, die Wellen und das Rauschen der Fahrt sind auch nicht gerade leise. In der Heck Koje, wo wir versuchen zu schlafen, wenn wir Freiwache haben, hört man den Autopiloten surren… Dieser macht seinen Job übrigens sehr gut. Es wäre nicht lustig, wenn wir alles von Hand steuern müssten. Und da ich noch zu sehr mit mir zu kämpfen habe, kann ich die Energie noch nicht aufbringen, um den Windpiloten in Betrieb zu nehmen.

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Hört die Seekrankheit irgendwann mal auf?

So vergeht ein Tag nach dem anderen und ENDLICH, ab dem 9. Tag geht es mir wieder gut, ist die Seekrankheit vorbei. Was für ein Unterschied! Ich fühle mich endlich wieder wie ein Mensch und bin auch wieder in der Lage mehr zu machen, wie der Dreikönigskuchen. Und vor allem kann ich jetzt einigermassen Schlafen, was enorm hilfreich ist. Alles ist recht anstrengend, das kann man sich gar nicht vorstellen, wenn man das nicht erlebt hat. Es ist ein 24h Dauer Rodeo-Reiten. Bei allem was man macht, muss man sich festhalten oder irgendwie dagegenstemmen. Und alles rutscht durch die Gegend. Kochen ist eine Challenge aber wir gewöhnen uns daran.

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Wird es unerträglich oder so richtig cool?

Die Prognosen melden viel Wind und hohe Wellen aus nördlicher Richtung, also nicht genau aus der Windrichtung. Auch sind erste Regenzellen dabei, bisher hatten wir noch keinen Regen und keine Squalls. Was erwartet uns da? Wird es sehr heftig? Wir müssen abwarten…
Das Gute bei den Wellen ist, dass diese nicht von 0 auf 100 kommen, sondern dass man damit wächst. Und so fahren wir dann immer mehr den Berg hoch und wieder runter. Es ist schon sehr eindrücklich, wenn da über vier Meter hohe Wellen von hinten angerollt kommen.

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Doch das schöne ist, die gehen einfach unter dem Schiff durch. Es geht permanent hoch und runter, hoch und runter. Wenn wir auf dem Bug stehen und es tut sich so ein Wellental vor dem Schiff auf, dann ist auch das eindrücklich, denn es geht einfach mehrere Meter in die Tiefe. Man könnte meinen, da fällt man jetzt herunter. Doch nein, auch das ist für unser Schiff kein Problem - von der Crew reden wir jetzt lieber nicht.

Diese grossen Wellen von rechts hinten bleiben uns mehrere Tage erhalten und begleiten uns bis weit in Richtung Karibik. So wie auch der Wind mit 25-35Kn. Doch wenn es so richtig weht, bekommen wir das Gefühl der meerla gefällt es erst bei viel Wind, denn dann liegt sie plötzlich ganz ruhig in der Welle und fährt wie auf Schienen. Die ersten leichten Regenschauer (teilweise Squalls) ziehen durch, jeweils mit einem Winddreher und oft mit kurzen Böen von +10kn Wind.

Schnell gewöhnen wir uns daran und es geht uns richtig gut. Wir sind entspannt und können es endlich geniessen! Wir lesen sehr viel und liegen herum. Eigentlich ist es wie Liegestuhl-Ferien ;-) oder besser Hängematten-Ferien, denn es schaukelt ja noch die ganze Zeit.

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Allan ist die Teigknetmaschine damit wir immer mal wieder frisches Brot haben. Überhaupt das mit den Nahrungsmitteln funktioniert super, wir essen sehr feine Menüs mit viel Gemüse und Früchten. Alles hält sich recht gut und ich mache zwei Mal am Tag einen Gemüse- und Früchte-Check und separiere das, was dringend verspeist werden muss. So mussten wir nur zu Beginn ein Teil über Bord werfen, nämlich das, was schon schlecht eingekauft wurde. Danach staunen wir, wie lange das Zeug hält, obwohl es inzwischen ordentlich warm im Schiff ist. Nach dem Sandsturm waren wir auch sehr froh, dass wir nichts draussen im Netz hatten!

Was alles auch noch zum Alltag gehört…

Inzwischen haben wir die Halbe Strecke hinter uns. Auf das Bergfest haben wir mit einem 7Up angestossen ;-)

Unsere B&G Navigationsinstrumente machen uns ja schon lange Probleme, welche hoffentlich in der Karibik gelöst werden können. Darum machen wir zwei Mal pro Tag einen Reboot des ganzen Systems, so dass jeweils alles wieder läuft und wir hoffentlich weniger Ausfälle (Autopilot und Radar) haben. Auch die Decksrunde führen wir ein bis zwei Mal pro Tag aus, wo jeweils einer alles Mögliche kontrolliert, ob noch alles hält, sich nichts gelöst hat, nichts scheuert und alles gut aussieht. Das bewährt sich sehr, entdecken wir doch ab und zu etwas, das behoben werden kann, bevor es zu einem Problem wird. Und dabei können jeweils auch die Leichen der Fliegenden Fische über Bord geschmissen werden. Diese landen leider ab und zu nachts auf dem Deck und verenden.

Allan muss nur einmal seine Füsse ganz gründlich waschen, weil sie nach Fisch stinken. Er ist in der Morgendämmerung beim Reffen im Cockpit ausversehen auf so eine Leiche getreten - iihhh.

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Jetzt wo wir es geniessen können, ist es unglaublich schön, so unterwegs zu sein! Wir könnten noch ewig so weiter machen. Es läuft einfach gut. Wir haben nichts zu tun und können den Ozean und seine Wetterfacetten geniessen, wie beispielsweise die extrem farbigen Regenbogen, den wunderschönen Sternenhimmel oder herrliche Sonnenauf- und Untergänge.

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Seit 11 Tagen haben wir kein Manöver mehr gemacht!!! Wir können es kaum glauben. Nach 11 Tagen gleicher Segelstellung (nur etwas ein- oder ausreffen) kommt jetzt eine Halse.

Ein gemütlicher Ausklang oder doch nicht?

Das Ende kommt in Sicht und auch die Aussicht auf deutlich weniger Wind. Darauf freue ich mich, endlich mal zu erfahren was gemütliches Passatsegeln heisst, wie es im Buch steht. Doch als dies dann so kommt, wünschen wir uns beinahe den starken Wind zurück. Denn bei Regenfronten stellt der Wind jetzt fast ganz ab und die Segel schlagen vom Wellengang. Das ist sehr mühsam. Zum Glück haben wir dies nur zwei Mal während ca. drei Stunden. Das hält man gerade noch so aus, da wir auch die Fock aufrollen, so dass das Schlagen sehr reduziert ist. Doch etwas mehr als ein Tag haben wir wirklich Passatsegeln wie im Bilderbuch, auch mit der versprochenen Windstärke. Was für ein Unterschied zu dem starken Wind und den hohen Wellen! Jetzt, wo die Schiffsbewegungen viel ruhiger sind, wird plötzlich alles einfacher, besonders das Kochen und wir spielen Quirkle, was eine schöne Abwechslung zum vielen Lesen ist.

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Wir haben noch viele Zitronen übrig, schnell ist also ein saftiger Zitronenkuchen gebacken, mmmhhh, so lecker! Ansonsten geht es mit dem Essen sehr gut auf. Wir haben bis zum Schluss noch frisches Gemüse und Früchte!

Am zweitletzten Tag zeichnet sich ab, dass wir nicht am Samstag ankommen werden, weil wir zu wenig Wind haben. Natürlich hoffen wir noch, dass es reicht, denn ganz zum Schluss soll es nochmals mehr werden. Doch in der Nacht, nach einem erneuten sehr leichtwind gedümpel ist klar, bei Tag kommen wir nicht an. Und im Dunkeln will ich nicht ankommen! Also reduzieren wir die Segel drastisch, so dass wir nur noch ganz wenig Fahrt machen, denn wir müssen ca. 10h "loswerden". Doch mit dem angesagten Mehr Wind ist die meerla immer noch zu schnell!

In der Abenddämmerung dann plötzlich "Land in Sicht"! Das Ende ist zum Greifen nah und wir freuen uns wahnsinnig auf den Sprung ins Wasser, denn inzwischen haben wir 28 Grad im Schiff.

Die Nacht ist recht mühsam, weil wir einfach zu schnell sind und langsamer geht es nicht wegen den Wellen, die schieben uns in die Karibik. So fahren wir noch etwas Zick Zack um in der Morgendämmerung einen Ankerplatz zu erreichen.

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Es ist geschafft!

Der Anker sitzt nach 21 Tagen auf See und wir sind tatsächlich in Martinique gelandet! Juhuii, den Atlantik haben wir überquert!

Es war mühsam, beschissen, anstrengend und frustrierend aber vor allem schön, spannend, aufregend und in der zweiten Hälfte sehr entspannt. Schiff und Crew haben alles gut gemeistert! Jetzt würden und werden wir es wieder machen.

Tschüss, wir springen jetzt ins türkis Wasser...

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Einige Fakten:

Dauer: 502.5 Stunden
Total Las Palmas – Martinique: 2962 sm
Unter Segel: 2946 sm
Unter Motor: 16 sm
Fische auf Deck: 12
Andere Schiffe gesichtet: 12 (1 Segler, 11 Frachter/Tanker)
Max. Speed: 12.9 kn beim Wellensurfen
Wind nicht unter 20kn: 7 Tage
Tage mit Windfenster über 30kn: 6 Tage
Anzahl Manöver (Halsen/Wenden): 9
Geschätzte Höhenmeter durch Wellengang: 500'000m
Max. Winddreher: 50°
Max. Windstärke: 36kn